Verbrannt.

Ich habe mir vor ein paar Tagen endlich mal die Zeit genommen, all meine alten Blogeinträge noch einmal durch zu gehen, zu lesen und mich daran zu erinnern. Neben den öffentlichen habe ich auch viele private, die mir sehr am Herzen liegen und es war schön, sie noch einmal zu lesen. Vielleicht werde ich mir die nächsten Tage noch einmal die Zeit und vor allem die Geduld nehmen und die alten Beiträge sortieren, weil es mir doch immer wieder passiert dass ich unüberlegt schreibe und das Ergebnis wenig wert hat. Früher habe ich alles, was ich geschrieben habe ausschließlich für mich geschrieben, was bedeutet dass alles was ich in Worte gefasst habe es mir auch wert war. Ich bin nicht der große Recherche-Betreiber und dafür ist mir das alles hier auch viel zu wenig wert. Ich schreibe (eigentlich) nur, um das was ich loswerden will loszuwerden.
Trotzdem passiert es mir ab und an dass ich genau das vergesse und dann kommt echt großer Mist raus. Insbesondere an Satzbau und Rechtschreibung kann man dann erkennen, dass es mir eigentlich nichts bedeutet hat zu schreiben.
Im Moment brauche ich aber genau das, mir etwas von der Seele schreiben zu können. Und am wichtigsten ist es, eine neue Ehrlichkeit mir selbst gegenüber zu finden. Nach dem Abbruch meines Studiums begann eine sehr schwierige Phase. Im ersten Moment dachte ich, dass ich allen Folgen damit aus dem Weg gehe, dass ich den “Absprung noch rechtzeitig” geschafft habe. Heute weiß ich es besser, denn damit fing die schwierige Phase erst an.
Ich habe in der Oberstufe damit angefangen, neben der Schule her vieles zu machen, Hobbys, ehrenamtliche Arbeit etc. und es hat mir gefallen wenn Menschen erstaunt waren, dass ich so viel unter einen Hut bekomme. Es hat mich immer mit einem gewissen Stolz erfüllt, dass ich offensichtlich leistungsfähiger war als man mir zugetraut hatte.
In der Zeit von Studium und Job habe ich mich dann eigentlich nur noch über diesen zeitlichen Spagat definiert. Für alle war ich die, die beides schafft und es kam mir wie meine wichtigste Eigenschaft vor. Aber gleichzeitig hat es mich aufgefressen, weil ich mit mir selbst nicht mehr zufrieden war, ich war nicht mehr davon überzeugt dass ich der Arbeit, dem Studium und dem Privatleben gleichermaßen die 120% bieten konnte, die ich mir abverlangt habe. Eigentlich war es mir da schon lange klar, dass es in dieser Form nicht weitergehen kann aber es war ein weiter Weg bis darauf auch die Taten folgten, der Abbruch meines Studiums.
Im ersten Moment fühlte ich mich befreit und war glücklich, wieder Zeit zu haben. Nach kurzer Zeit war ich wieder leistungsfähig und konzentriert und habe mich mit voller Motivation in die Arbeit gestürzt. Dann aber kam etwas anderes, etwas Unerwartetes. Denn wenn man sich von der einen Sache trennt und zum eigenen Wohl auch dauerhaft trennen möchte, mit der man sich so lange identifiziert hat, wer ist man dann? Was ist der Sinn meines Lebens wenn es nicht der ist, alles gleichzeitig zu machen? Wo will ich hin? Und das allerwichtigste: wie kann ich mich selbst wertschätzen wenn ich an dieser Stelle versagt habe?
Ich habe gelernt, mein Selbstvertrauen aus dem Erstaunen, dem Lob und dem Stolz anderer Menschen zu beziehen. Die großen Augen, die jemand gemacht hat wenn ich sagte: Klar, ich arbeite 30 Stunden die Woche, irgendwo muss das Geld ja her kommen. Aber ich studiere genau so wie du auch, wobei ich schon noch Pendelzeiten von 4 bis 6 Stunden am Tag habe.“, das war es was mir gezeigt hat dass ich gut genug bin. Wenn jemand das mal nicht anerkannt hat dann war ich beleidigt und er arrogant oder unwissend. Irgendwann habe ich sogar angefangen, die Zeiten aufzurunden, nicht nur vor anderen sondern auch vor mir selbst. Über irgendeine abstruse Rechnung bin ich auf 96 Wochenstunden gekommen. Sicherlich mag das auch in einigen Wochen gestimmt haben, aber nicht in jeder. Aber 75 oder 80 Wochenstunden waren mir nicht mehr gut genug, da arbeiten noch zu viele Manager länger als dass das wirklich etwas wert wäre.

Ich spüre, dass sich das krank anhört aber gleichzeitig empfinde ich immer noch so. Ich gestehe mir kein Burnout zu, weil es Menschen gibt, die mehr arbeiten als ich und die es schaffen. Gleichzeitig fühle ich mich gerade deswegen, weil manche Menschen mehr schaffen als Versager, bestimmt ist nur meine Organisation schlecht.

Das schlimmste ist für mich momentan, dass ich „nur“ 40 bis 45 Stunden die Woche arbeite. Wenn ich mich selbst sehe, dann als fette Hartz-4-Kuh (bitte nicht falsch verstehen, ich will hier nicht sagen dass jeder der Hartz 4 bezieht so ist!!!), die den ganzen Tag auf der Couch verbringt, sich alles hinterher tragen lässt und die immer mehr verkommt und verdreckt. Ich muss mir immer wieder vorhalten, dass das was ich jetzt gerade tue ein normales Leben ist. Und dass ich erst mal wieder lernen muss damit umzugehen und vor allem Freizeit nutzen und genießen zu können bevor ich entscheiden kann was ich machen möchte und wie viel davon.

Ich bin momentan beides, unfassbar versessen nach Freizeit und unendlich oft faul, aber auch unfähig jegliche Freizeit für mich zu nutzen. Solange ich mich mit Freunden treffe und etwas mit ihnen unternehmen kann geht es. Aber sobald ich alleine bin bin ich nicht mehr. Ich höre quasi auf zu existieren und vegetiere nur vor mich hin…..

 

Vielleicht ist das Problem gar nicht, wer ich bin sondern die Brücke zwischen wer ich bin und wer ich sein müsste um mit mir zufrieden zu sein. Die Erwartungshaltung die ich mir selbst gegenüber habe ist sehr hoch, in allen Bereichen möchte ich nicht nur gut sondern außergewöhnlich gut sein.
Früher kam dieses außergewöhnlich eben immer durch die Doppelbelastung; Ich war etwas besonderes und konnte mich selbst bemitleiden. Ich hatte eine Entschuldigung, wenn etwas schief gelaufen ist und wenn ich selbst nicht zufrieden war konnte ich mich durch das Verständnis anderer Menschen trösten. Wenn jemand mir sagte: “Naja, kein Wunder das kann ja keiner schaffen” Dann war das für mich wie ein Freispruch.
In diesem Sinner war es bequem, ich brauchte nicht mit mir selbst klar kommen oder meinen Charakter bilden, ich habe mich von außen definiert. In gewissem Sinne geht es vielleicht “nur” um Identitätsverlust. Nichts anderes ist es doch eigentlich, ein Burnout. Die absolute Verleugnung des eigenen “Ich”s. Sobald die Basis der Definition von außen verschwindet merkt man, dass man keine Verbindung mehr zu sich selbst, seiner eigenen Gefühlswelt und seinen eigenen Bedürfnissen hat. Auch wenn man diese Verbindung schon viel früher verloren hat, nämlich mit jedem Mal dass man seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt um andere (den Arbeitgeber, die Familie….) zufrieden zu stellen.

Wenn man ausbricht aus dieser Fremdbestimmung kommt der Identitätsverlust zum Vorschein, denn wer seine Leistung nicht fortwährend steigert wird irgendwann nicht mehr gelobt und wer sein Ingenieursstudium an den Nagel hängt wird bei vielen Menschen auf Unverständnis stoßen. Reaktionen, die alle gut gemeint sind, aber einen wirklich niederschmettern können. “Du bist gerade von deinem Podest gestürzt” “War wohl doch zu schwer das Studium, nicht?” und ähnliche stärken einen nur in dem Gefühl, versagt zu haben. Statt dass jemand mal sagt: “Du gehst einen mutigen Weg, ich hoffe, dass es dir damit besser geht.”
Das gesamte Selbstbild hängt an einem seidenen Faden, man verliert die Möglichkeit sich selbst zu charakterisieren. Rein aus dem Bauch heraus kann ich Fragen wie: bist du faul? Bist du liebenswert? Bist du zickig? Bist du fürsorglich? Ordentlich? Organisiert? nicht mehr beantworten. Ich muss mich dabei auf objektive Tatsachen stützen, oder auf die Meinung anderer Menschen. Wenn ich doch mal eine Antwort weiß, dann bin ich mir dieser nicht sicher, es bräuchte nur eine einzige Person das Gegenteil behaupten und ich würde hr mehr Glauben schenken als mir.

Am schlimmsten aber ist der Verlust des Zugangs zur eigenen Gefühlswelt. Mittlerweile geht es mir deutlich besser aber ganz zu Beginn habe ich abgesehen von unregelmäßigen Anfällen der Verzweiflung nichts empfunden. Keine Freude, kein Glück, keine Freundschaft und keine Liebe. Ich wusste wann diese Reaktionen von mir erwartet wurden und wann ich es wahrscheinlich auch unter normalen Umständen spüren würde, aber es spielte sich nur im Kopf ab. Die einzigen Gefühle, die ich wirklich wahrnehmen konnte waren Gereiztheit, Wut und Enttäuschung, all diese schon bei kleinsten Auslösern. Es tut weh, auf diese Art und Weise Freunden und Familie gegenüber zu stehen, zu wissen dass man ihnen Unrecht tut und gleichzeitig nicht anders zu können. Ich bin dankbar, dass zumindest dieser Teil meiner Identität wieder auf die Beine kommt. Ich hoffe dass es so weitergeht und ich bin unendlich glücklich, dass ich Menschen habe, die trotz allem hinter mir stehen. Aber ich fürchte es wird noch ein langer Weg.